rbb - Landschleicher

Reinhold Heinen (1894-1969) wurde in Düsseldorf geboren, nach Studium 1919 Promotion zum Dr. rer. pol. in Breslau, 1919 wurde er Chefredakteur des »Aachener Volksfreunds«. Heinen war seit 1921 verheiratet, aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. 1933 wird er vorübergehend verhaftet. Er betätigt sich als Schriftsteller, 1933/37 verwaltet der die Professur für Kommunalwissenschaften in Köln Im Februar 1941 wird Heinen erneut verhaftet und kommt ab Februar 1942 als politischer Häftling in das KZ Sachsenhausen. Die Befreiung erlebt er auf dem Evakuierungsmarsch in Mecklenburg. Heinen gehörte 1945 zu den Begründern der CDU in Düren. Eine Kopie der Aufzeichnungen von Reinhold Heinen befindet sich im Archiv der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Enkels von Reinhold Heinen, Helmut Heinen (Köln).

Reinhold Heinen
Sachsenhausen
Todesmarsch

Reinhold Heinen (ca. 1968)

Abmarsch aus Sachsenhausen. Morgens früher geweckt. Ahnungslos.
Wie ich später höre, war der Räumungsbefehl unerwartet in der Nacht gegen 1 ½ Uhr gekommen. Es wird nach Nationen abmarschiert. Unverständlich, nach welchen Gesichtspunkten die Einteilung erfolgt ist. Zuerst die Tschechen, dann die Polen, zwischendurch die Frauen. Auf dem Appellplatz Frauen und Männer durcheinander.
Man merkt die Lockerung der Ordnung.
Leicht bedeckter Tag. Gelegentlich Regenschauern. Auf den Blocks ein grosses Durcheinander. Es gibt keinen Kaffee. Nichts Warmes zu essen. Auf dem Lagerplatz stehen schon die Polen in langer Reihe. Beim Ausmarsch erhält jeder ein Brot und für je 4 Mann ein kg. Büchsenleberwurst. Keine Angabe, wie lange wir damit auskommen müssen. Einer der Hilfsposten meint nach Heraustreten vor dem Tor, es müsse für 2 Tage reichen. Vor dem Tor bildet sich die lange Kette: 500 Reichsdeutsche, dann etwa 4 alte Blockführer, 6 ungarische SS-Leute und der Rest der Häftlinge, die man einige Tage vorher in Uniformen gesteckt hat.
Abmarsch nach 2 Uhr. Wanderung bis Sommerfeld über Teerofen. Links in der Ferne die Funktürme von Nauen. Die ersten Toten. Dicht hinter dem Ortseingang des Städtchens Sommerfeld ist in einem vorbereiteten Schützenloch eine Häftlingsleiche oberflächlich eingescharrt, so dass man die Füsse noch sehen kann. Anscheinend eine Frau. Hinter Sommerfeld in der Dämmerung liegen wir im Strassengraben, bis endlich die Quartierfrage gelöst ist.
In der Dunkelheit marschieren wir einen Seitenweg in einem Dorf an einem kleinen Schloss vorbei, warten wieder und nachher landen wir vor einer Scheune, müssen wieder fort und kommen schliesslich zu 500 Mann vor eine Scheune, die kaum 150 fasst.
Qualvolle Enge. Ein Teil muss draussen bleiben in der regnerischen Nacht.
Wir schlafen mit angezogenen Beinen. Viel Lärm. Mitten in der Nacht wird ausgewechselt; die eine Partie muss nach draussen.
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