rbb - Landschleicher

Helene v. Koenigswald, geb. Freiin v. Falkenhausen, wurde 1900 in Lübben geboren und verstarb 1987 in Ingelheim. Sie war mit dem Schriftsteller Harald von Koenigswald verheiratet. Die Veröffentlichung der Aufzeichnungen erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Wighart von Koenigswald.

Helene von Koenigswald
Berlin Mitte, Nauen, Potsdam
Luftangriffe, Zweiter Weltkrieg

Vorbemerkung von Helene v. Koenigswald

Zum Verständnis dieser Aufzeichnung ist einiges zu sagen. Wir (Helene und Harald von Koenigswald) hatten ausgemacht, von dem voraussehbaren Augenblick, in dem unsere Verbindung (wir hatten noch sehr lange die Möglichkeit gehabt gelegentlich über die Dienstselle bei Potsdam nachts zu telefonieren) abreißen würde, worauf man von Tag zu Tag wartete, Tagebuch zu führen, damit aus unserem Zusammenleben nicht ein langer Zeitraum gänzlich heraus fiele. Die Aufzeichnungen sind also täglich, zum Teil in großer Eile geschrieben, in der nüchternen Weise in der man ein Dasein ansah, bei dem es nur ums Überleben ging und in dem das große Problem völlig außerhalb aller Planung lag: das wieder Zusammenkommen.
Die genannten Kinder sind Harald, der 1940 gestorben ist und auf dem Bornstedter Friedhof begraben liegt; Renata, genannt Nati, Karin und Wighart.
Die erwähnten Personen sind außer meinen Eltern (Friedrich und Charlotte v. Falkenhausen, geb. v. d. Marwitz) in der Parkstraße, die Tanten Bethchen (Elisabeth v. Schroeder), Nati (Renata v. d. Marwitz; nicht zu verwechseln mit der Tochter Nati) und Hete (Hetwig v. Diest), Schwestern meiner Mutter, der „Rat“ (Caspar Heinrich v. d. Marwitz, ihr Bruder (Marienstraße), Elli (Elli. v. Puttkammer, Tochter von Hete) Bernd und Ilse v. d. Marwitz (Vetter) , Elisabeth v. Scheele, Königswalde (sehr viel jüngere Kusine meines Vaters).
Christ v. Platen, Fürsorgerin in Potsdam, Gerda , die schon längere Zeit nach einer scheußlichen Verbombung bei mir (in Potsdam Bornim) wohnte und bis Kriegsende zu ihrer Tätigkeit nach Berlin fuhr.
Frau Pflug, Frau des befreundeten Prof. Pflug (Geograph) wohnte in Bornstedt, und ihre Nachbar Falkenhausens (Bruder des General Alexander v. F.).
Familie Pallat, sie Nichte vom alten Herzfeld (er daher „wehrunwürdig“) wohnte schon lange als „Fernpenner“ bei uns und holte dann sein in Freiburg ausgebombte Familie nach. und Frau Hahn, Bornimer Nachbarin, Pastor Schenk und Frau (Bornim). Alles bewährte Antinazis. Ebenso Frau v. Winterfeld, und Kamekes, die nahe der Glieniker Brücke etwa 6 km wie wohnten. Der Bahnhof Potsdam ist ebenso weit. Die Wege, die zu Fuß gemacht werden mussten, summierten sich schnell; auch in Berlin, wo die verkehrsmittel nur sehr mühsam wieder in Gang kamen, sehr mangelhaft waren, und die Entfernungen riesig sind. Ich bin damals in Gegenden gekommen, von deren Existenz ich früher kaum wusste. Da so viel verbombt war, zog sich alles in die Außenbezirke. Die Sektoren spielten noch keine Rolle.
Vielleicht erstaunt es, dass man so viel Mühe und Strapazen auf sich nahm, um Menschen zu treffen. Abgesehen davon, dass der menschliche Kontakt half, alles durchzustehen, war es die einzige Möglichkeit, sich ein Bild von der Lage zu machen, Nachrichten zu bekommen und weiterzugeben. Post funktionierte zunächst nicht, dann unzuverlässig, abgesehen davon, dass man nicht wusste wohin die Menschen, die man suchte, verstreut waren. Zeitungen und Radio gab es nicht. Natürlich wucherten abenteuerliche Gerüchte, die man zu kontrollieren versuchte. Jede Nachricht aus dem Westen wurde weitergereicht, ebenso Berichte über verschwundene und hin und wieder sogar wieder gefundene Menschen wurde über Mittelspersonen den Nächsten weitergegeben (wie es schon bei den Nazis gemacht wurde) alles mündlich.
Familie Pflaum waren Flüchtlinge aus Guben, die im Kessel Berlin hängen geblieben waren und bei uns ein Dach über dem Kopf suchten. Das Haus wurde immer voller und je größer der Hunger wurde, desto schwieriger war es durch Missgunst keinen Zwist aufkommen zu lassen. Lange wurde in einem Topf gekocht.
Es gab in Bornim noch zwei alte Schwengelpumpen, die belagert waren, wenn es kein Wasser in der Leitung gab. Wenn man mit seinen Eimer erfolgreich angestanden hatte, war es nicht ratsam, sie über die Straße zurückzuschleppen. Man lief Gefahr, dass man Russen begegnete, die das Wasser samt dem Eimer fortnahmen. Also ging es über Gärten und Zäune, die ohnehin in den Kämpfen demoliert waren.

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20.04.1945
Seit dem Angriff auf Potsdam am 14.IV.45 gibt es keine Telephonverbindung mehr und fast keine Postbestellung. Seit dem 19. keine Verbindung mehr mit Berlin. Nachts lange schwere Luftangriffe, es gibt keine Sirenen mehr, so dass man nie weiß, was noch kommt, da es selten Strom gibt. Bis dahin war man durch Drahtfunk mit der Planquadratkarte gut orientiert gewesen. Wir schliefen diese Nacht im Keller. Am 20. großer Tagesangriff auf Nauen. Nun ist es endgültig mit dem Strom aus. Gas gibt es auch nicht, hin und wieder etwas Wasser. Wir lassen noch Fensterscheiben machen. Erste Gerüchte über die Schlacht um Berlin.
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